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Verantwortung statt Schuld

fotolia_6619291.jpg„Du bist schuld, dass es mir schlecht geht.“ – „Ich bin schuld, dass mein Kind Legastheniker ist.“ – „Er ist schuld, dass wir keine erotische Beziehung haben.“ – „Ich bin schuld, dass meine Mutter so früh gestorben ist.“ – „Meine Eltern sind schuld, dass ich nicht glücklich bin.“

Schuld ist anmaßend, sie ist überfordernd – und sie bringt uns keinen Schritt weiter. Und doch ist sie allgegenwärtig. Menschen stempeln sich als Täter oder Opfer ab, als wäre dies eine Notwendigkeit, um eine Ordnung in der Welt herzustellen. Wenn ich jemandem die Schuld zuschiebe, spreche ich mir selbst die Fähigkeit ab, etwas zu verändern. Ich kann meine Hände in Unschuld waschen, doch wohlfühlen werde ich mich nicht mit dieser mir selbst zugeschriebenen Ohnmacht.

Wenn ich mir selbst ständig die Schuld für alles gebe, ist es nicht besser. Ich sage damit nichts anderes, als dass ich alleine die Fäden in der Hand halte und sie schlecht gezogen habe. Den anderen degradiere ich zu einem Häufchen Elend, der nichts als nur Opfer sein darf.

Wie auf einer Wippschaukel, auf der das Päckchen „Schuld“ hin- und hergeworfen wird, bin entweder ich ganz unten, mit der Bürde in den Armen, während der andere hoch oben in der Luft zappelt. Ich bin unglücklich wegen der schweren Last, doch auch der andere ist nicht besser dran, weil er keinen Boden unter den Füßen hat.

Die Lösung heißt in meinen Augen: Verantwortung statt Schuld. Dazu braucht es Mitgefühl, dem anderen und auch uns selbst gegenüber. „Die höchste Form von Intelligenz ist Mitgefühl“, sagte der Dalai Lama. Wenn beide auf der Schaukel das Päckchen genau in die Mitte legen, ist die Beziehung in Balance und sie können sich auf Augenhöhe begegnen. Jeder übernimmt seinen Teil der Verantwortung. Das muss nicht nur im Augenblick eines Problems so sein. In unseren den Generationen-Workshops, die ich mit meiner Frau gemeinsam halte, werden Verantwortlichkeiten zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern nachträglich erkannt und geklärt. Sie schenken sich damit selbst viel Freiheit und Bewegungsspielraum, um ihre Beziehungen zu gestalten.